Tuur Devens auf Theaterkrant.nl, 3 April 2017
RHYTHMISCHES JAMMEN MIT HÜPFBÄLLEN UND TROMMELN
Vor Jahren konnte ich oft begeistert über die Symbiose zwischen körperlicher Zirkuskunst und Theater im ‚cirque nouveau‘, dem Zirkustheater, schreiben. Aber in den letzten Jahren verkommt dieses Zirkustheater oft zu einer bloßen Zurschaustellung von akrobatischen und anderen Zirkuskünsten. So clever diese auch sein mögen, ich möchte mehr als nur das. Zumindest wünsche ich mir eine Schichtung, eine theatralische Darstellungsebene unterhalb dieser Künste auf dem Trapez, am Boden, in den Seilen, auf Balanciergeräten, mit oder ohne Bälle. Das Zirkustheater ist – abgesehen von Ausnahmen wie Ronaldo und Alexander Vantourhoudt natürlich – zu einem allzu gewöhnlichen Zirkus mit menschlichen Tricks in einer polierten Verpackung geworden. Für mich ist das alles ein bisschen zu geschmackvoll und zu eindimensionale Unterhaltung.
Ich will Unvollkommenheit, Verletzlichkeit, Existenz, Leben, Phantasie…. Ich möchte berührt und aufgewühlt werden. Aber wo bekomme ich das noch in einem Zirkus? Allein in Flandern gibt es inzwischen etwa hundert Zirkusunternehmen! Versuchen Sie also, ein paar schöne Bäume im Wald zu sehen. Ich lasse mich vom Zufall leiten, und manchmal stößt man auf etwas Schönes. So wie beim letzten internationalen Krokusfestival in Hasselt, einem Festival, das sich auf Theater und Tanz für Kinder und Jugendliche konzentriert. Dort würde Post aus Hessdalen mit einer kurzen Vorführung auftauchen. Ihr Film Poolnacht hätte mich schon ein paar Monate früher begeistern können. Also, wer weiß.
Es war ein überraschender Moment! Pakman ist eine der wenigen Darbietungen, bei denen mich das Jonglieren mit Bällen faszinieren konnte. Es ist mir egal, ob jemand fünf oder sechs oder sieben Bälle auf einmal in die Luft schwingen und wieder auffangen kann. Ich möchte von der Verletzlichkeit des Jongleurs in seiner Beziehung zu diesen Bällen, zum Raum, zur Umgebung, zur Phantasie, zum Inhalt, zur Atmosphäre…. beeindruckt sein. Und Pakman hat mich berührt.
Post uit Hessdalen macht seinem Namen alle Ehre. Dieses winzige Unternehmen ist nach der kleinen Stadt Hessdalen in Norwegen benannt, in der jahrelang ein geheimnisvolles Lichtspektakel zu sehen war. Unerklärlich, faszinierend, sich Zeit und Raum entziehend. Es scheint, als wollten der Filmemacher und Zirkuskünstler Stijn Grupping und die Theatermacherin und Drehbuchautorin Ine Van Baelen mit ihren hybriden Performances, in denen alle möglichen künstlerischen Disziplinen vermischt werden, ebenfalls diese Wirkung erzielen. Manchmal geschieht dies mit Film und Video, ein anderes Mal verflechten sich Zirkuskünste mit anderen Künsten.
Polarnacht (2015) war ein faszinierendes Video, in dem sich virtuelle Landschaften in Bilder der Natur verwandeln. Die Menschen versuchen, der überfüllten Urbanisierung zu entkommen, suchen im Norden nach Transzendenz für eine reine Zukunft, aber ob diese im Spiel des (nördlichen) Lichts und den dunklen Silhouetten von Bäumen und schwarzem Wasser gefunden werden kann, insbesondere nach ihrer Rückkehr, bleibt eine offene Frage.
Pakman ist ein symbiotisches Spiel aus Jonglage und Musik. Mit sogenannten Bouncing Balls tritt Stijn Grupping in einen rhythmischen Dialog mit dem Schlagzeug von Frederik Meulyzer. Aber das ist noch nicht alles. Das Publikum ist in der überdachten Ladefläche eines Lastwagens zusammengepfercht. Der Anzugträger ist kein virtuelles Männchen, sondern ein düsterer Mann in brauner Arbeitskleidung hinter einem Glastresen, der große Kisten stanzt. Diese rollen dann über das Band zu den Zuschauern, die sie als Sitzplätze benutzen können. Ein Postschalter, an dem man Pakete abholt? Es ist nicht mehr das Zeitalter, in dem Sie alles über das Internet bestellen können und es innerhalb weniger Stunden an Ihrer Haustür erhalten.
Der Mann stapft los und macht zu bestimmten Zeiten kurze Trink- und Esspausen. Mit Kaffee aus einer Thermoskanne und Sandwiches aus einer Lunchbox. Er langweilt sich, entdeckt Bälle, wirft sie einmal und das Spiel geht weiter. Die Einsamkeit nimmt einen Rhythmus an, der Arbeitstakt wird schneller, und dann trommelt eine zweite Person auf dem Küchengeschirr. Beide jammen in einem musikalischen Spiel, bei dem nicht mehr klar ist, ob die hüpfenden Bälle den Rhythmus vorgeben oder die Handschläge des Trommlers. Sie versuchen, die Bälle in ihrer Flugbahn durch den Raum hinter Glas zu verfolgen. Sie fliegen vom Tisch auf den Boden, nur um über ein Regal mit der Wand zu kollidieren und wieder auf den Mann zu treffen.
Technisch faszinierend, aber auch visuell kunstvoll, ist es ein fesselndes Spiel in Raum und Zeit. Die Scherkugeln erzeugen geometrische Linien, der altmodische Postschalter verwandelt sich in einen Raum, in dem Klangrhythmen ein magisches Wechselspiel der Linien spielen. Eine virtuell anmutende Welt, ohne virtuell zu sein. Das Ganze dauert 25 Minuten: kurz und bündig, ein schönes Beispiel für fantasievolles Zirkus-Musiktheater. Die Produktion ist mit 5+ gekennzeichnet. Jedes Alter kann das Stück genießen. Sie verlassen eine eigene Welt, wenn Sie aus dem Lastwagen aussteigen, und dann müssen Sie auf der Treppe aufpassen. Zum Glück sorgt eine helfende Hand für die nötige Unterstützung, um in die normale Welt zurückzukehren.